Der vermeintliche Königsweg
Lange Zeit galt die akademische Laufbahn in vielen Familien als Königsweg: Gymnasium, Studium, guter Abschluss – und damit die vermeintlich sichere Eintrittskarte in eine erfolgreiche Zukunft. Doch die Arbeitswelt verändert sich. Heute zeigt sich immer deutlicher: Ein Studienabschluss garantiert noch keinen Erfolg. Entscheidend ist, ob der eingeschlagene Weg zur Person passt.
Das Problem der Zukunft heisst Mittelmass
Bildungsökonom Prof. Dr. Stefan C. Wolter bringt eine zentrale Herausforderung der Zukunft auf den Punkt: «Das Problem der Zukunft ist das Mittelmass». Entscheidend sei nicht, welchen Beruf oder welchen Ausbildungsweg jemand wählt, sondern wie gut sich eine Person darin entwickelt. Wer weiss, dass er in seinem Beruf zu den Besten gehören kann, muss keine Angst vor der Zukunft haben.
Genau deshalb ist eine passende Berufswahl so entscheidend: Sie schafft die Grundlage dafür, dass Jugendliche ihre Stärken einsetzen, Motivation entwickeln und ihr Potenzial entfalten können. Denn wer in einem Beruf arbeitet, der zu den eigenen Fähigkeiten und Interessen passt, hat die besten Voraussetzungen, sich weiterzuentwickeln und über sich hinauszuwachsen.
Die Herausforderung liegt also nicht darin, ob jemand eine Lehre oder ein Studium absolviert. Sie liegt darin, ob jemand den passenden Weg findet und bereit ist, darin sein Bestes zu geben. Das gilt für Lehrabsolventinnen und Lehrabsolventen genauso wie für Akademikerinnen und Akademiker.
Berufswahl beginnt mit Identitätsbildung
Eine nachhaltige Berufswahl beginnt deshalb mit der Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit. Jugendliche müssen zuerst herausfinden, was sie interessiert, welche Stärken und Fähigkeiten sie auszeichnen. Sie sollten sich mit ihren Werten auseinandersetzen und erkennen, in welchem Umfeld sie sich entwickeln und aufblühen können. Erst wenn sie sich selbst besser kennen, macht es Sinn, sich mit der Frage nach dem passenden Beruf und dem richtigen Ausbildungsweg auseinanderzusetzen.
Wie sich das im echten Leben anfühlt, zeigt die erste Folge unseres Podcasts «Mein Traumberuf». Berufs- Studien- und Laufbahnberater Simon Schmid spricht mit Maëlle und Alessio – zwei jungen Menschen, die genau die beiden Wege gewählt haben, um die es hier geht: Maëlle das Gymnasium mit anschliessender Hotelfachschule EHL in Lausanne, Alessio eine Informatiklehre bei der Swisscom, neben der er bereits eine eigene Firma gegründet hat. Zwei Wege, beide stimmig zur Person.
Maëlle erzählt, wie sie sich ihren Weg an die EHL völlig eigenständig erarbeitet hat und sich mehr Unterstützung von der Mittelschule gewünscht hätte. Sie ist der Meinung, dass man «eins, zwei Lektionen Deutsch oder so streichen und sicher Berufswahl mehr ins Gymnasium bringen» soll.
Der passende Weg ist der richtige Weg
Denn eine Mittelschule ist nicht automatisch der bessere Weg. Genauso wenig ist eine Berufslehre die «zweite Wahl». Beide Bildungswege können erfolgreich sein, wenn sie zur Persönlichkeit passen.
Die Berufslehre bietet einen starken Praxisbezug und ermöglicht vielen Jugendlichen, ihre Fähigkeiten direkt im Arbeitsalltag zu entdecken und weiterzuentwickeln. Mit der Berufsmaturität stehen ihnen zudem vielfältige Weiterbildungs- und Studienmöglichkeiten offen. Die Mittelschule wiederum ist der passende Weg für Jugendliche, deren Interessen und Stärken stärker im theoretischen und schulischen Bereich liegen.
Auch das spiegelt sich im Gespräch: Alessio, der seinen praktischen Weg mit voller Überzeugung geht, relativiert die gängige Prestigefrage ganz selbstverständlich – für ihn zählt nicht der Name der Institution, sondern was ihn in seinem Markt wirklich weiterbringt. Die eigentliche Gefahr besteht deshalb nicht darin, sich für eine Lehre oder eine Mittelschule zu entscheiden. Sie liegt darin, einen Weg einzuschlagen, der nicht zu den eigenen Stärken, Interessen und Entwicklungsmöglichkeiten passt.
Erfolg entsteht dort, wo Menschen ihr Potenzial entfalten können
Erfolg und Zufriedenheit entstehen dort, wo Menschen das tun, was sie gerne tun, was sie gut können und wo sie ihre Fähigkeiten einbringen können.
Die Zukunft gehört deshalb nicht automatisch denjenigen mit dem höchsten Abschluss. Sie gehört den Menschen, die sich selbst kennen, ihre Stärken nutzen und den Weg wählen, auf dem sie ihr Potenzial entfalten können. Maëlle und Alessio leben dies vor – jede und jeder auf dem eigenen, passenden Weg.